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Sissi Flegel: Red Hot Curry (ARTIKEL)

«Lila. Wenn du wirklich mit deinem Vater nach Indien fliegen willst, schreib das Datum, die Uhrzeit und den Wortlaut seines Versprechens auf. In sechs Jahren erinnert er sich nicht mehr daran.» Das hatte Lilas Mutter ihr in auffallend energischem Ton mit auf den Weg gegeben, als sie zwölf war. Nun ist es an der Zeit, ihren Traum von Indien endlich einzulösen. Sie ist sie 18, sie volljährig, sie hat ihr Abi mit 1,9 bestanden, kurz: alle Voraussetzungen der damaligen Abmachung mit ihrem Vater erfüllt.

Julie und Klaus, ihre Eltern, sind seit Jahren geschieden. Was genau die beiden auseinander brachte, hat Lila nie verstanden. Und noch immer schmerzt es, dass ihr Vater sich offenbar nicht nur von ihrer Mutter trennte, sondern auch von ihr, Lila. Alle paar Wochen ein Pflichtbesuch, später ein Pflichtausflug, eine kurze Urlaubsreise. Eher widerwillig lässt sich Klaus Kirsch dann auch auf die gemeinsamen zwei Wochen mit Lila in Indien ein. Und er macht unmissverständlich: «Indien zu meinen Bedingungen» - oder gar nicht. Es wird eine schicksalhafte Reise, die Lilas Leben und ihre Gefühle auf den Kopf stellen wird … Sissi Flegel erzählt in ihrem spannenden Jugendroman Red Hot Curry die Geschichte einer jungen Deutschen, die eher zufällig im fernen Indien auf eine Seelenverwandte stößt: eine Halbschwester …


Vom Taj Mahal zum Gateway of India

In Bombay (das seit einigen Jahren Mumbai heißt) sollte Lila eigentlich bei den Rotenbergs, einer befreundeten Familie, wohnen. Als sich das aus Krankheitsgründen zerschlägt, bleibt sie ein paar Tage in dem prachtvollen Hotel, in dem auch ihr Vater in der quirligen 14-Millionen-Metropole am Indischen Ozean immer absteigt. Würde er sie nur nicht wie ein kleines Mädchen behandeln und ständig ein «Kindermädchen» für sie organisieren – es könnte das Paradies sein!

Für einen Augen-Menschen wie Lila, die von einer Zukunft als professionelle Fotografin träumt, ist Indien eine Offenbarung. Das unglaubliche goldene Licht, die Farben der Häuser, die prachtvollen Saris: «Safrangelb! Zimtbraun! Chilirot! Kardamomgrün! Schade, dass ich die Gerüche nicht fotografieren kann!» In schwelgerischen E-Mails versucht sie ihrem Freund Ole (praktischerweise der Sohn von Dr. Yorck Bensen, dem schwedischen Lebensgefährten ihrer Mutter) all die Schönheiten nahezubringen, die sie erleben darf. Aber richtig glücklich fühlt sie sich nicht. Irgendwas liegt in der Luft, sie spürt es. Und es hat mit einem Geheimnis im Leben ihres Vaters zu tun …

Nach ein paar Tagen fahren beide nach Nasik weiter, wo Klaus Kirsch eine Niederlassung seiner Firma besuchen muss – eine Höllenfahrt! «Wer jemals in Indien eine mehrstündige Autofahrt überlebt hat ohne Unfall, ohne vor Entsetzen ohnmächtig zu werden, ohne Übelkeit, ohne Herzinfarkt, ohne anhaltende Schweißausbrüche oder unkontrolliertes Zittern der Hände und Knie, hat eiserne Nerven.»

Auch in Nasik kann Lila sich nicht frei bewegen. Wohin sie auch möchte, immer steht ihr ein kleiner Aufpasser auf den Füßen – auch wenn sie zugeben muss, dass sie durch ihre Begleiter viel über das Land ihrer Träume lernt. Etwa als sie einem abgemagerten Jungen einen Geldschein in die Hand drückt und ihr Begleiter Padma schier außer sich ist vor Zorn: «Miss! Das dürfen Sie nicht! Wenn Sie einem etwas geben, verlangen Hunderte Ihr Geld! – Der Junge hungert! – Das ist sein Karma. Er büßt jetzt, was er in einem früheren Leben falsch gemacht hat. Mit Ihrem Geld nehmen Sie ihm die Möglichkeit, sich zu bessern. – Padma, was Sie sagen, ist ungeheuerlich! Man darf doch nicht zusehen, wie ein Mensch hungers stirbt. – Miss, Sie sind in Indien!»

Leela und Lila – das kann kein Zufall sein!

Bei einem der Ausflüge fällt ihr zufällig ein Hinweisschild in englischer Sprache auf: Maharashtra. Restaurant and Hotel. Als sie das Hotel betritt, steht sie dem schönsten jungen Mann gegenüber, den sie je gesehen hat, Jai, der sie sofort nach ihrem Namen fragt. «Liiila?», fragt er und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus Und dann passiert es: «Plötzlich stand ein Mädchen, eine junge Frau neben ihm: so groß wie ich, schlank, die dunkelbraunen Haare zu einem dicken, straffen Zopf geflochten, hellbrauner Teint, große grüne Augen. Sie war nicht hübsch, sie war schön: Leela.»

Schon bald nach ihrer ersten Begegnung mit Leela und ihrer wunderschönen Mutter Savita kommt Lila ins Grübeln. Leela und Lila, kann das ein Zufall sein? Beide grünäugig: ein Zufall? «Die Großmutter hieß Rosa, meine Mutter Violetta, deshalb bekommt das Kind diesen und keinen anderen Namen!» – das war die offizielle Version, die ihr Vater auf Nachfrage stets zum Besten gab. Erst in Nasik fällt es Lila wie Schuppen von den Augen …

«Komisch. – Was ist komisch? – Mir ist, als würde ich dich kennen. – So geht es mir auch. – So etwas hab ich noch nie erlebt. Es ist der absolute … - Wir kennen uns aus unserem früheren Leben …» Wie sich bald herausstellt, brauchen die beiden gar nicht so weit zurückgehen, in ein früheres Leben. Es ist das ganz irdische, das ganz diesseitige Leben ihres Vaters, das dafür verantwortlich war, dass die Welt mit zwei Leelas/Lilas beschenkt wurde. Ein altes Foto im Geheimfach eines Schmuckkästchens von Savita bringt die beiden Seelenverwandten auf die richtige Spur …

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